BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Drei Jahre Drei Autorinnen – drei Bücher: Doris Hermanns

| Keine Kommentare

Seit inzwischen drei Jahren gibt es die Rubrik „Drei Autorinnen – drei Bücher“ auf diesem Blog. Zum Jubiläum deshalb ein kurzer Rückblick und die Tipps der Initiatorin Doris Hermanns, derzeit Städtesprecherin in Berlin.

© Sharon Adler

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Auf dem Blog initiierte sie 2017 die Reihe Drei Autorinnen – drei Bücher, die sie seitdem versorgt. Außerdem stellt sie seit 2016 jährlich zum Tag der Bücherverbrennungen Autorinnen vor, die während der NS-Zeit Publikationsverbot hatten.

 

 

 

Vor drei Jahren habe ich die Reihe Drei Autorinnen – drei Bücher ins Leben gerufen, in der seitdem monatlich jeweils eine BücherFrau sowohl drei Autorinnen als auch drei Bücher vorstellt, die ihr persönlich wichtig sind. Mir ging es dabei um Sichtbarkeit von Autorinnen und deren Werken, denn immer wieder ist zu hören, dass viele Menschen noch nicht einmal drei Autorinnen nennen können, wenn sie gefragt werden – was mich immer wieder schockiert. Ein anderer Gedanke dabei war, auf ältere oder gar vergriffene Bücher aufmerksam zu machen, vielleicht sogar Neuauflagen oder Übersetzungen anzuregen.

Was ich den Frauen damit zumute, ist mir dabei durchaus bewusst, gibt es doch unzählige lesenswerte Autorinnen. Und auch mir ist die Auswahl nicht leicht gefallen …

Drei Autorinnen

Ali Smith (geb. 1962)

Ali Smith, Universität Utrecht, November 2019

Ali Smith habe ich bei einem Lesbenfestival in York vor vielen Jahren kennengelernt. Sie saß dort mit einigen anderen Autorinnen auf einem Podium und hat mich mit ihren klugen und witzigen Bemerkungen neugierig auf ihre Bücher gemacht. Nach dem Festival habe ich angefangen, diese zu lesen – eins nach dem anderen, bis ich alle kannte. Damals waren es noch hauptsächlich short stories, die sie schrieb, inzwischen sind es meist Romane. Auf ganz wunderbare und sehr eigene Weise zaubert sie aus Kleinigkeiten ganz großartige, teilweise sehr humorvolle Geschichten.

Auf Deutsch erscheinen ihre Werke im Luchterhand Verlag. Gerade ist der erste Band ihres Jahreszeitenquartetts erschienen: Herbst (in der Übersetzung von Silvia Morawetz), der als der erste Brexit-Roman gilt. Im Original wird noch in diesem Jahr der vierte und somit letzte Band des Quartetts erscheinen: Summer. Wer die Chance hat, sie einmal selber vorlesen zu hören, sollte diese unbedingt nutzen. Der Suchtcharakter ihres Werkes wird durch ihr Tempo noch erhöht.

Jeanette Winterson (geb. 1959)

Jeanette Winterson, Literaturhaus Utrecht, November 2019

Auf Jeanette Winterson wurde ich durch die BBC-Verfilmung ihres Debüts Oranges Are Not the Only Fruit (auf Deutsch gerade in der Übersetzung von Brigitte Walitzek unter dem Titel Orangen sind nicht die einzige Frucht im Verlag Kein & Aber neu aufgelegt) Anfang der 1990er Jahre aufmerksam. Ich besorgte mir gleich den Roman und hörte nicht mehr auf, ihre Bücher zu lesen. Ihr inzwischen recht umfangreiches Werk umfasst sowohl Romane, Kinderbücher als auch Erzählungen sowie zahlreiche Essays. So wird noch in diesem Jahr ein Band mit Essays zu künstlicher Intelligenz von ihr erscheinen. Mein Lieblingsbuch von ihr, das ich bereits mehrfach gelesen habe, ist nach wie vor Auf den Körper geschrieben (Übersetzung von Stefanie Schaffer-de Vries), für mich der größte Liebesroman überhaupt, der sehr in die Tiefe geht und bei dem nicht klar ist, ob es sich um eine Erzählerin oder einen Erzähler handelt (was im Englischen weitaus besser funktioniert). Wie das die Lesenden jeweils ausfüllen, liegt wohl an ihrem eigenen Hintergrund.

Auch bei Jeanette Winterson lohnt es sich, sie live zu erleben. Sie ist bei Adoptiveltern in der Pfingstbewegung aufgewachsen (wovon sie in ihren Memoiren Warum glücklich statt einfach nur normal, übersetzt von Monika Schmalz, erzählt – sehr ergreifend bis hin zu Teufelsaustreibungen, weil sie als Jugendliche eine Liebesbeziehung mit einem anderen Mädchen hatte, aber auch mit viel Humor) und hat schon als Kind gelernt, zu predigen, was ihr bei Lesungen anzumerken ist. Bei denen sie aber nichts Religiöses hat, sondern vor Humor sprüht und auch ungemein klug ist.

 

Susan Hawthorne (geb. 1951)

Doris Hermanns und Susan Hawthorne im LCB, © Margit Lesemann

Susan Hawthorne ist eine australische Autorin und Verlegerin des feministischen Verlags Spinifex Press, den sie seit fast 30 Jahren zusammen mit Renate Klein führt, mit der zusammen sie auch mehrere Sammelbände herausgegeben hat, z. B. über Frauen und Katzen bzw. Pferde, aber auch den Band Australia For Women (deutscher Titel: Australien für Frauen).

Ihr eigenes Werk ist sehr breit gefächert und reicht von Lyrik über Romane bis hin zu Sachbüchern, aber egal, was sie schreibt, es ist auf jeden Fall feministisch und wunderbar geschrieben, in vielen geht es auch um Mythologie. Auch die Bandbreite an Themen ist sehr groß und reicht von Kühen über Wölfe bis hin zu poetischen und realistischen Lesbenromanen (in ihrem neuesten Roman Dark Matters geht es um organisierte Gewalt gegen Lesben) und einem höchst spannenden Buch über die Globalisierung aus feministischer Sicht Wild Politics: Feminism, Globalisation and Bio/diversity.

Ich hatte die Ehre, ihr Buch Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren übersetzen zu dürfen. Ein wichtiges Buch, das sich mit der kulturellen Vielfalt innerhalb des Verlagswesens beschäftigt, und Pflichtlektüre für alle sein sollte, die in der Buchbranche arbeiten.

Bis jetzt sind zwei weitere Bücher von ihr übersetzt: das Reise- und Kulturbuch Australien für Frauen (übersetzt von Ursula Grawe) und 807 Fragen und Frauen (übersetzt und bearbeitet von Elisabeth Brock), ein ganz wunderbares Quizbuch mit Fragen zur Geschichte von Frauen. Leider sind beide derzeit vergriffen. Es wäre zum einen wünschenswert, dass sie neu aufgelegt würden, zum anderen aber auch, dass mehr von Susan Hawthorne übersetzt würde.

 

Drei Bücher

Dagmar Schultz (Hg.): Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Adrienne Rich und Audre Lorde

links die Originalausgabe von 1983, rechts die erweiterte Neuausgabe von 1993

Macht und Sinnlichkeit (übersetzt von Renate Stendhal) ist für mich das wichtigste Buch der 1980er Jahre gewesen. In dem von Dagmar Schultz herausgegebenen Band sind Essays und Gedichte der US-amerikanischen Autorinnen Adrienne Rich und Audre Lorde versammelt, die für mich zu einer breiteren Auseinandersetzung mit Feminismus, Rassismus und Antisemitismus geführt haben. Ich hatte das große Glück, Audre Lorde einige Male bei Veranstaltungen in Berlin und Bielefeld zu erleben und ihre Texte über Rassismus wie auch ihre autobiografischen Werke (u. a. über ihre Brustkrebserkrankung) haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Inzwischen habe ich so gut wie all ihre Werke gelesen – wie auch die meisten Bücher der jüdischen Autorin Adrienne Rich, die mich immer wieder sowohl mit ihrer Lyrik als auch mit ihren Essays begeistert.

Nava Semel: Und die Ratte lacht

Und die Ratte lacht ist für mich einer der beeindruckendsten Romane, die ich je gelesen habe, sowohl sprachlich als auch inhaltlich, übersetzt von Mirjam Pressler, erschienen im wunderbaren Persona Verlag. Eine Enkelin soll einen Aufsatz über die Kriegserlebnisse ihrer Großmutter in Polen während des Zweiten Weltkrieges schreiben. Ein Buch über Erinnerungen, wie sie weiterleben können, aber auch über das, was wir fälschlich zu wissen glauben. Wie erzählen wir Geschichten und was geben wir damit weiter? Was war in der Vergangenheit und wie setzt sich dies in der Zukunft fort? Aus fünf Perspektiven wird die Geschichte zu unterschiedlichen Zeiten beschrieben. Ich habe dieses Buch bereits mehrfach gelesen, und es berührt mich jedesmal aufs Neue.

 

Lennie Goodings: A Bite of the Apple: A Life with Books, Writers and Virago

An sich war diese Rubrik dazu gedacht, auf ältere Bücher aufmerksam zu machen und auf solche, die vergriffen sind und neu aufgelegt werden könnten. Nun möchte aber gerade ich ein Buch vorstellen, das erst vor ein paar Tagen erschienen ist. Als Biografin lese ich schon immer gerne Biografien, besonders gerne von Frauen aus der Buchbranche (und gerade zu dem Thema zu arbeiten, ist da natürlich eine gute Ausrede). Da musste ich bei dem Memoir von Lennie Goodings natürlich sofort zugreifen. Sie ist eine der Verlegerinnen der britischen Virago Press, einem feministischen Verlag, und sie beschreibt in ihrer Mischung aus Memoiren, Verlags-Geschichte und Gedanken über 40 Jahre feministisches Verlegen auf sehr persönliche Weise, wie sie als junge Frau von Kanada nach London kam und bald schon bei Virago Press anfing. Schnell wusste sie, „… dass ich mein Zuhause gefunden hatte, wo Bücher, Ideen, Politik, Fantasie, Feminismus und Geschäfte die Luft waren, die wir atmeten“.

Anfangs atmet alles noch die Atmosphäre der Anfänge der neuen Frauenbewegung in den 1970er Jahren, der Aufbruch ist spürbar, wie die Autorin anmerkt, gab es so viel zu entdecken! Aber sie beschönigt nichts, benennt klar die Entscheidungs- und Machtstrukturen im Verlag; anders als andere (Verlags-)Projekte arbeitete Virago von Anfang an nicht als Kollektiv. Aber sie schreibt dies auf eine sehr wertschätzende Art.

Worum es den Verlegerinnen ging: Sie wollten Frauen sichtbar machen und ihnen eine Stimme geben, Geschichten des Alltagslebens von Frauen veröffentlichen, Geschichten, die bis dahin als nicht der Rede wert empfunden wurden – die Verlage waren damals fest in Männerhand. Es wurden sowohl historische Sachbücher veröffentlicht als auch aktuelle aus der aufkommenden Frauenbewegung. Wichtig war ihnen auch die Backlist, denn den nachfolgenden Generationen sollte erspart bleiben, Archive und Bibliotheken zu durchforsten, um mit Erstaunen festzustellen, dass es vor ihnen schon unzählige Frauen gab, die die gleichen Hoffnungen, Probleme und Erfahrungen hatten (was ich trotz aller Neuveröffentlichungen und Archiven in letzter Zeit trotzdem immer wieder von jungen Frauen erfahre …).

Fast beiläufig erzählt Goodings auch von den Autorinnen, mit denen sie zusammengearbeitet hat, so von Margaret Atwood, Marilynne Robinson, Maya Angelou, Sarah Waters und vielen anderen. Es ist ein guter Überblick über ihre vierzigjährige Verlagsarbeit.

Mir sind vor allem die gut erkennbaren grünen Bände aus der Serie Virago Modern Classics in guter Erinnerung, in der unzählige Autorinnen, die weitgehend in Vergessenheit geraten waren, wieder neu aufgelegt wurden. In meinem Antiquariat hatte ich ein ganzes Regal voll mit diesen Bänden, die oft nachgefragt wurden, manche sammelten gleich die ganze Serie.

Als Goodings gleich zu Anfang ihrer Arbeitszeit eine Kollegin fragt, warum sie bei Virago arbeite, bekommt sie die klare Antwort: „Um die Welt zu verändern.“

Übersetzung der Zitate: Doris Hermanns

Fotos: © wenn nicht anders angegeben, Doris Hermanns

 

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2018 erschien ihre Übersetzung von "Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung" von Renate Klein. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.