SERIE Frauen im Literaturbetrieb: Gendergaps, Sichtbarkeit und die Sache mit der Anerkennung – Teil zwei

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Autoren gewinnen fünfmal mehr Preise als Autorinnen – ob es an den Jurys und Gremien liegt, die nur zu 23 Prozent mit Frauen besetzt sind?

Anlass der Serie ist der „Runde Tisch zu Frauen in Kultur und Medien“, initiiert von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der Lösungen und Gesetzesvorschläge entwickeln soll, um Frauen in Kultur und Medien zielgerichtet zu fördern. Ein Kompetenzteam* der BücherFrauen ist mit dabei.
Auf dem Blog stellt Nina George in der dreiteiligen Blogpostserie die wesentlichen Leitfragen und Lösungsideen vor.

Im ersten Teil ging es um Frauen in Führung: über Quoten, Mentoring und Bildungsgutscheine.

Teil 2: Jurys, Gremien & Preise

Alte Männer des Kulturbetriebs verstopfen überall die Jurys und Fördergremien“, klagte Ursula Theißen vom Frauenbüro NRW, „und zwar oft noch im Ehrenamt lange über die Pensionsgrenze hinaus.“ Notwendig sei daher nicht nur eine geschlechter­paritätische Besetzung, sondern auch ein Generationswechsel.
Beim Blick z.B. auf Jurys hochdotierter Literaturpreise zeigt sich, dass Frauen – kumuliert – nur zu 23 Prozent als Jurorinnen oder Rätinnen fungieren und es keine stringente Parität gibt:

JURYS der wichtigsten oder höchstdotierten Preise:
  • Frauenanteil der Jury beim Georg-Büchner-Preis: 14 Prozent seit 2001
  • Bachmannpreis, Klagenfurt: 44 Prozent Jurorinnen
  • Nobelpreis für Literatur: 33,3 Prozent, davon 1 Jurorin (von 6, 18 gesamt) nicht aktiv
  • Buchpreis: mal 4, mal 3 Frauen von insgesamt 7
  • Konrad-Adenauer-Preis: 3 Männer, 3 Frauen
  • Heinrich-Böll-Preis: 4 Männer, 0 Frauen
  • Kleist-Preis: eine Person, seit 1985: 21 Männer, 8 Frauen
  • Kurt-Tucholsky-Preis: 5 Männer, 1 Frau

 

Würden Frauen denn nicht Frauen bevorzugen – und damit eine neue Ungerechtigkeit herstellen? Nina George zählte Fallbeispiele und sagt: „Frauen sind nicht auf einem Gender-Auge blind und bevorzugen ihre eigene Zunft gegenüber der anderen. Männer jedoch schon, das zeigt sich neben der Preisvergabe auch an Rezensionen im Feuilleton: Allzu selten widmen sich Kritiker Autorinnen, Kritikerinnen dagegen lassen Männer nicht hintenüberfallen. Es spricht viel dafür, dass mit der Erhöhung des Frauenanteils in Jurys Diversität und damit auch künstlerische Gewichtung von Ästhetik ohne Genderbetrachtung steigen. Gleichzeitig zeigt sich, dass die bisherigen männerdominierten Jurys auch vorwiegend jene Stoffe, Themen und Erzähler prämieren, denen sie sich offensichtlich als Mann näher fühlen. Kurz gesagt: Frauen übersehen Männer nicht, während Männer Frauen sehr häufig übersehen.“

Oft werden Juroren eines Buchpreises aus Verlags- und Mediengrößen akquiriert, konkret: mehrheitlich aus männlichen Direktoren, Geschäftsführern und Vorstandsmitgliedern. Eine Fortsetzung des Betriebsalltags, in dem Frauen das Mittelfeld dominieren, zur Chefetage aber kaum Zugang finden. Dasselbe gilt, wenn sich Jurys aus Akademie-TeilnehmerInnen zusammensetzen. Dort muss man sich fragen: Sind Frauen nicht willkommen im (staatlich finanzierten) Club? Der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung gehören 190 Mitglieder an, darunter 38 Frauen, was einem Anteil von 20 Prozent entspricht. In der Bayerischen Akademie der Schönen Künste haben nur 12,5 Prozent Frauen Zutritt in der Sektion Literatur, in Hamburg 21 Prozent, in Berlin an der Akademie der Künste 22 Prozent.

 

Partizipation an der Kulturförderung: Stipendien

Rankings, Bestenlisten, Förderpreise, Mitgliedschaften, Stipendien, Zulagen, Sonderpreise, Kostenzuschüsse, Fonds: Es gibt viele Möglichkeiten, Künstler und Künstlerinnen zu unterstützen. Die Studie des Kulturrates zeigte, dass Frauen in der Kultur durchschnittlich seltener als Männer mit Preisgeldern und Auszeichnungen bedacht werden, und insgesamt nur etwa 15 Prozent der öffentlichen Mittel zur Kunstförderung den Künstlerinnen zugutekommen.

Auf die Buchbranche bezogen partizipieren z.B. 60 Prozent der Übersetzerinnen aus dem Übersetzerfonds, 30 Prozent der Schriftstellerinnen an einem Stipendium der Villa Massimo (Kulturratsstudie).

Julia Franck hält die Chancen auf Stipendien für nicht deutlich schlechter – nicht viel, zumindest. „Jein. Ich würde sagen, der Deutsche Literaturfonds vergibt seine Stipendien gleichermaßen. Der Deutsche Buchpreis, durch den ich diesen enormen Erfolg erringen konnte, wird auch gleichmäßig vergeben.“

Ute Hacker, Vorsitzende der Autorinnenvereinigung e.V., fordert Stipendien für Recherchen sowie zeitlich und räumlich ungebundene Arbeitsstipendien, um Kindern gerecht zu werden. Auch wären Stipendien ohne zu niedrige Altersbeschränkung sinnvoll: Die meisten Autorinnen beginnen spät mit der ausgelebten Berufung. Und gerade Frauen über 40 benötigen einen Anschub, nachdem die Kinder etwas größer sind und das Wagnis Roman begonnen werden kann.

 

Männer gewinnen im Schnitt fünfmal häufiger Literaturpreise

Die schlechte Nachricht vorab: Bei den rund zwei Dutzend renommierten und hochdotierten Literaturpreisen gewinnen Männer fünfmal häufiger als Frauen. Das zählte u.a. Nina George in ihrem Beitrag im Börsenblatt vom 12.1.2017 nach. In der Sparte Sachbuch und Wirtschaftsbuch ist die Lücke sogar noch breiter, zeigten die Zählungen von Birte Vogel, die Zählung zu Übersetzungspreisen von Katy Derbyshire in der DIE ZEIT beleuchtet daneben noch die unterschiedliche Dichte von Rezensionen von Frauen.

  • Der Georg-Büchner-Preis (50.000 €) ging 55-mal an einen Mann, 9-mal an eine Frau.
  • Der Literaturnobelpreis ging 99-mal an einen Mann, 14-mal an eine Frau.
  • Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (25.000 €): 57 Männer, 8 Frauen, 1 Paar, 1 Club
  • Heinrich-Mann-Preis (8.000 €): 18 Männer, 4 Frauen
  • Thomas-Mann-Preis (25.000 €): 18 Männer, 3 Frauen
  • Horst-Bienek-Lyrikpreis: 23 Männer, 5 Frauen (Stand 2014)
  • Konrad-Adenauer-Preis: 19 Männer, 5 Frauen
  • Einhard-Preis für Biografien (10.000 €): 8 Männer, 2 Frauen
  • Heinrich-Böll-Preis (20.000 €): 20 Männer, 5 Frauen
  • Kleist-Preis (20.000 €): 20 Männer, 9 Frauen
  • Jean-Paul-Preis (15.000 €): 17 Männer, 3 Frauen
  • Deutscher Krimipreis: 26 Männer, 7 Frauen, 2 davon 2x, also 5 Frauen
  • Kurt-Tucholsky-Preis (3.000./5.000 €): 12 Männer, 1 Frau

Der männliche Blick erfährt höhere Wertschätzung als der weibliche

„Dort, wo wir mit unserer europäischen Literatur und Kultur Ästhetik bewerten, wo wir den Blick auf die Welt bewerten, wo wir bewerten, wer uns die Welt eigentlich zeigt und erklärt, wer das künstlerische, literarische Genie ist, da fällt doch auf, dass größtenteils Männer ausgezeichnet werden“, sagte die Schriftstellerin Julia Franck der Interviewerin Barbara Haack für die Studie des Kulturrates.

„Das betrifft zum Beispiel den Büchner-Preis. Der Joseph-Breitbach-Preis, ein sehr hochdotierter und auch das Lebenswerk betreffender Preis, geht auch größtenteils an Männer, der Prix Goncourt fast ausschließlich. Da kann man nicht die jeweils einzelne Jury verantwortlich machen. Das ist tatsächlich ein Blick unserer Kultur auf das Männliche und das Weibliche in der Kunst. Das ist ein Blick darauf, von wem ich mir die Welt erklären lasse und das ist die Kultur selbst, in der wir offenbar geschlechtlich wahrnehmen.“

Wenn weibliches literarisches Schaffen zudem weniger Presse bekommt (die Rezeption in Feuilletons zählten Nina George und Katy Derbyshire, siehe Links oben – Frauen werden in einem Verhältnis von 1 Autorin zu 10 Autoren rezensiert, selten 4 Autorinnen bei 20 Autoren), dann wird es weniger gelesen, erhält weniger Preise, und es ist somit weniger wahrscheinlich, dass es Teil des Kanons der großen Literatur wird. Will sich die Literatur wirklich diese Gleichgültigkeit gegenüber Vielfalt weiterhin leisten?

 

Quote für Jurys, Blaming & Shaming – und das Projekt: Frauen zählen.

Entscheidungsposten in staatlich geförderten Institutionen müssen paritätisch besetzt werden – denn aus ihren Mitgliedern setzen sich z.B. Jurys zusammen.

Ebenso denkbar ist eine Quote für Jurybesetzungen von Preisen mit staatlicher Förderung, wie z.B. beim Büchner-Preis. Für Preisverleihungen durch öffentliche Träger könnte aber auch ein bestimmtes Kontingent an Plätzen für Frauen zu reservieren sein, so der Deutsche Kulturrat: Das sei rechtlich zulässig und Ausdruck des staatlichen Förderauftrags aus Art. 3 II GG. In der Privatwirtschaft greifen diese staatlichen Regularien nicht. Hier müssen z.B. Blaming & Shaming eingesetzt werden, wenn wiederholte, penetrante Benachteiligungen von Autorinnen eindeutig nachweisbar sind.

Verlage können sich selbst verpflichten, einen bestimmten Anteil an Büchern von Autorinnen einzureichen oder vorzuschlagen und die Jury quotenfrei entscheiden zu lassen – also ohne den Zwang eines z.B. jährlichen Wechsels von Preisen an Männer und Frauen. Auch muss die Frage nach dem Politischen in der Literatur bei den staatlich geförderten Akademien und Gremien fortgesetzt werden: Hier sollte das Geschlechterverhältnis von Mitgliedern, Jurys und PreisträgerInnen genauer in den Blick genommen werden, so auch beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Letztlich muss die Datenlage weiterhin präzisiert werden. Nina George schlug dem Kulturstaatsministerium das branchenübergreifende Projekt „Frauen zählen“ vor. So ließe sich z.B. eruieren, ob Autorinnen z.B. bereits in der Schulpädagogik unterrepräsentiert sind.

 

In Teil 3 (erscheint am 14. Februar): Spitzwegs armer Poet ist Poetin. Über Lohnlücken und Vereinbarkeit von Kunst und Familie

 

Zu dem Team gehören Janet Clark – Schriftstellerin, Präsidentin Mörderische Schwestern e.V., Gründerin Netzwerk Autorenrechte; Yvonne de Andrés, Beirätin für Dezentrale Kultur, Beirätin im Vorstand der BücherFrauen; Nina George, Schriftstellerin, Womens-Writers’-Committee-Beauftragte des PEN-Zentrum Deutschland und Gründerin Fairer Buchmarkt; Ute Hacker, Schriftstellerin und 1. Vorsitzende der Autorinnenvereinigung e.V., Johanna Hahn, Geschäftsführerin des Börsenvereins Berlin-Brandenburg, im Vorstand des Literaturhauses Berlin und im Vorstand des Sozialwerks des Dt. Buchhandels; Dr. Valeska Henze, Politikwissenschaftlerin, Übersetzerin, ehemalige Vorsitzende der BücherFrauen.

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Nina George

Autorin: Nina George

Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Nina George schreibt Romane, Sachbücher, Thriller, Reportagen, Kurzgeschichten sowie Kolumnen. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer“ stand 63 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wird in 35 Sprachen übersetzt und war u.a. New York Times Bestseller. Mit ihrem Ehemann, Schriftsteller Jo Kramer, schreibt sie unter „Jean Bagnol“ Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und WWC-Beauftragte, Bundesvorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sowie Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne.
2017 wurde George als BücherFrau des Jahres ausgezeichnet.
www.ninageorge.de

Ein Kommentar

  1. Danke für diese fundierte Analyse, die ich gleich in die Sozialen Netzwerke beame 🙂

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