Lesung mit Stephanie Hanel

Von röchelnden Möpsen und dem Glück, am Trapez zu hängen

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Ich treibe mich schon seit über zehn Jahren im Literaturzirkus herum und frage mich manchmal, welche Funktion ich dort eigentlich innehabe. Bin ich die Seiltänzerin, ein Mitglied der Kapelle oder doch der Clown? Oder der Tiger, der sich zuerst weigert, durch den Reifen des Dompteurs zu springen, und es dann doch tut? Bei Lesungen braucht man manchmal einen Hang  zur Schauspielerei, um in schwierigen Situationen die Fassung zu behalten. Zum Beispiel während der Fußball WM 2006: Ich weiß nicht, was sich das Pärchen in der zweiten Reihe dachte, als es nach zehn Minuten heftig zu knutschen begann. Ich las gerade eine Szene vor, die während der Olympiade 1936 in Berlin spielte und keinesfalls zu derartigen Aktivitäten einlud. Im gegenüberliegenden Restaurant wurde ein Spiel übertragen und man hörte andauernd Jubel und Gebrüll durch die offene Tür. Das Pärchen hörte glücklicherweise wieder auf, bevor es zum Äußersten kam. Man sollte seine Lesungstermine während WMs immer mit den Fußballterminen  abstimmen. Aber als ein mitgebrachter Mops während einer anderen Lesung die ganze Zeit röchelte und ich schon befürchtete, den Tiernotarzt holen zu müssen, konnte ich nichts dafür. Und als bei einer anderen Lesung eine Dame ohnmächtig wurde, weil vorher die Zuhörer bestimmt hatten, dass ich weiterlesen solle, anstatt eine Pause zu machen, war es höhere Gewalt. Wenn ich im Logensaal der Kammerspiele auf der Bühne stehe und niemand im Publikum sehen kann, weil die Scheinwerfer blenden, wünsche ich mir manchmal jemanden, den ich erkennen kann, egal, ob knutschendes Paar oder Mops. Es gibt auch Highlights: zum Beispiel in der Krypta der Petrikirche. Ich hatte kurz vorher gehört, dass die Lesung ausverkauft sei. Ich dachte noch, ich würde vor den üblichen 40 Leuten lesen, aber nein, es würden über 100 werden. Plötzlich hatte ich alles vergessen: wo meine Autoschlüssel sind, welches Kleid ich tragen wollte, aus welchem Roman ich überhaupt vorlesen sollte …  Aus Charlottes Rückkehr, sagte mein Mann, drückte mir mein Lesungsexemplar in die Hand, beschloss aber, mir ein Taxi zu rufen. Das war gut so, denn ich hätte den Weg bestimmt nicht gefunden, und ich besaß noch keinen TomTom.  Als die Zuhörer die Treppe in die Krypta herunterkamen, viele mit einem meiner Romane in der Hand, war ich der glücklichste Mensch in diesem Raum. Bis zu der Frage aus dem Publikum: „Was machen Sie mit Ihren Kindern, stecken Sie die in einen Schrank, während Sie schreiben?“ Meine Tochter saß neben meinem Mann im Publikum und wirkte nicht so, als ob ich sie und ihren Bruder während meiner Schreibzeit wie Harry Potter in einem komfortablen Kabuff unterbringen würde. Obwohl sie das 2008 sicher toll gefunden hätte, denn da war sie in der Hochphase ihrer Harry Potter Verehrung.

Apropos Orientierung

Einen TomTom hätte ich auch besser im Auto gehabt, als ich Marc Levy, diesen charmanten und interessanten französischen Autor, nach seiner Lesung mit unserer gemeinsamen Knaur-Lektorin zum Hotel zurückbringen wollte. Er quetschte sich auf die Rückbank meines C3, obwohl ich ihn auf den Beifahrersitz eingeladen hatte. Ich fuhr in Richtung Alster, weil ich annahm, er würde im dortigen Meridian wohnen. Meine nicht ortskundige Münchner Lektorin Christine Steffen-Reimann sagte irgendwann auf dem Weg durch Eppendorf, in der Nähe der Alster: „Komisch, als ich ihn vor vier Stunden vorm Hotel abholte, habe ich die Elbe gesehen.“ Er ist also im Meridian in der Nähe des Rödingsmarktes abgestiegen, wurde mir nun schlagartig klar. Ich hatte plötzlich keine Ahnung mehr, wie ich jetzt aus Eppendorf dorthin hinkommen sollte. Mein sowieso nur rudimentär ausgebildeter Orientierungssinn quittierte nämlich augenblicklich seinen Dienst. Ich hielt an der U-Bahnstation Klosterstern. Meine Lektorin dachte wohl, ich wolle ihn mit der U-Bahn ins Hotel schicken, und ich sah schon den nächsten Verlagsvertrag davonschwimmen. Aber als ich Marc Levy erklärte, dass ich noch so fasziniert von seiner Lesung sei und deshalb den Weg zum Hotel nicht finden könne und wir ihn stattdessen besser in ein Taxi setzen würden, entspannte sich meine Lektorin. Ich arbeite heute immer noch mit ihr zusammen. Und Marc Levy ließ seine Flasche Champagner – Gastgeschenk des Buchhändlers – für mich auf dem Rücksitz liegen, wohl um mich zu beruhigen. Aus eingeweihten Kreisen weiß ich, dass diese Geschichte auf der kurz danach anstehenden Frankfurter Buchmesse die Runde machte.

Pannen

Dass zu einer Lesung im Schnitt nur zehn Leute kommen, haben sicher die meisten Hamburger Autoren schon erlebt. Dass sie, wie ich, ihren Text nicht richtig erkennen können, weil die Kneipe, in der ich las, über zu wenig Lampen verfügte und ich mich damals noch strikt und wider besseren Wissens gegen eine Lesebrille wehrte, wohl nicht. Ein Bier vor der Lesung – ich trinke sonst vorher nie Alkohol – half auch nicht. Ich wurde panisch, las viel zu schnell und hektisch und musste meinen Kummer über die schlechte Performance danach in weiteren drei Bier ertränken. Während einer Lesung bin ich meistens die Ruhe selbst. Nur fünf Minuten vorher sieht man mich mit bleichem Gesicht draußen stehen und schnappatmen. Dann frage ich mich jedes Mal, warum ich nicht Journalistin geblieben bin, sondern es unbedingt mit dem Romaneschreiben versuchen musste. Aber wenn es dann losgeht, vergesse ich meine Aufregung, gucke ins Publikum, suche mir einen Zuhörer oder eine Zuhörerin aus, die ich dann immer wieder ansehe – so wirkt es persönlicher – und lege los. Und nach einigen Minuten weiß ich, ob ich die Zuhörer packe. Meistens gelingt mir das. Wenn dann einige Zuhörerinnen nach einer Lesung mit glänzenden Augen zu mir kommen und sich bedanken – eine sagt immer, sie schreibe auch oder habe eine Freundin/wahlweise Freund oder Verwandte, die auch schreiben würde – bin ich glücklich. Denn ich will mit meinen Romanen Menschen für einige Zeit aus ihrer Welt holen und berühren.

Manchmal muss man weinen

Aber so weit wie der großartige Bachinterpret Martin Stadtfeld werde ich es wohl nicht bringen. Ich saß vor seinem Konzert hinten in der Musikhalle und wartete auf seine geniale Interpretation des Wohltemperierten Klaviers – neben mir eine Frau, die wie ein junges Mädchen strahlte. Wir beide schwelgten in unseren Betrachtungen über Stadtfelds Spiel und unseren Erinnerungen daran, wo wir ihn zum ersten Mal gehört hatten. Sie war schon bei vielen seiner Konzerte dabei gewesen. Für mich war es die erste Liveerfahrung mit Stadtfeld. Als er zu spielen begann, prickelte meine Kopfhaut und mir blieb die Luft weg. Meine Nachbarin griff sich ans Herz. Ich musste husten. Sie versorgte mich mit Bonbons. Es hörte nicht auf, sie legte mir verständnisvoll die Hand auf die Schulter und sagte, dass es ihr bei ihrem ersten Stadtfeld-Konzert auch so ergangen sei. Bei den Zugaben weinten wir beide. Sie hatte genügend Taschentücher dabei.  Manchmal passiert es, dass meine Leserinnen – Leser meldet euch bei mir – während der Lektüre meiner Romane weinen müssen. Meistens habe ich bei diesen Szenen dann auch während des Schreibens Tränen vergossen. Ich liebe den Literaturzirkus, auch wenn ich mich manchmal wie das alte Zirkuspferd oder der traurige Clown fühle. Aber oft hänge ich auch am Trapez und bin im Paradies. Besonders wenn ich beim Schreiben in den Flow komme. Und nur darum geht es bei der Schriftstellerei doch eigentlich.

Das Beitragsbild zeigt BücherFrau Stephanie Hanel bei der Lesung auf dem Bücherbüffet Karlsruhe, Oktober 2013. Foto: Richard Zinken.

Autorin: Verena Rabe

Verena Rabe, 1965 in Hamburg geboren, ist nach einem Geschichtsstudium und der Arbeit als Journalistin seit 13 Jahren freie Autorin. Ihr erster Roman „Thereses Geheimnis“ erschien 2004 bei Knaur, es folgten dort drei weitere, ihren fünften Roman „Das Glück in weißen Nächten“ veröffentlichte sie 2012 bei ars vivendi. Im August 2014 erscheint ihr neuer Roman „Blau ist die Farbe der Liebe“ unter ihrem Pseudonym Carlotta Franck bei Knaur. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg und engagiert sich bei den BücherFrauen, bei DeLiA und im Writers Room.

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