BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

VG-Wort-Briefkopf

Vom Verschwinden der Vielfalt oder Warum das VG Wort-Urteil uns alle betrifft

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Ende April hat der Bundesgerichtshof darüber entschieden, dass die VG Wort nicht berechtigt ist, einen pauschalen Betrag ihrer Einnahmen an Verlage auszuschütten. Welche Auswirkungen hat dieses Urteil für unabhängige Verlage und für die Buchbranche im Allgemeinen?

Toll fand ich an den BücherFrauen schon immer, dass es sich um ein spartenübergreifendes Netzwerk handelt, eines, das den Blick über den Tellerrand ermöglicht: Ich mag den Austausch mit Lektorinnen, Grafikerinnen, Agentinnen, Buchhändlerinnen, Bibliothekarinnen, Autorinnen und Verlegerinnen.

Ich mag an der Diskussion über das Urteil des BGH über das VG Wort-Urteil – wenn sie denn stattfindet – nicht, dass sie eine Front zwischen AutorInnen und VerlegerInnen suggeriert, wo keine ist oder zumindest keine sein sollte. Weshalb ich hier im BücherFrauen-Blog über das schreiben möchte, was das BGH-Urteil zur Ausschüttung der VG Wort für mich als Verlegerin eines kleinen unabhängigen Verlages bedeutet. Damit repräsentiere ich keinesfalls DIE Verlage, weil ich durchaus Unterschiede sehe zwischen dem, wie wir Independent-VerlegerInnen unsere Projekte entwickeln und mit unseren AutorInnen arbeiten und dem einen oder anderen Wissenschafts- oder Konzernverlag (das gilt natürlich auch nicht für alle großen Verlage und schon gar nicht für alle deren MitarbeiterInnen – und ich weiß, dass auch kleine Verlage nicht per se alle gut und sorgfältig arbeiten, nur weil sie klein sind).

VG-Wort-Briefkopf

VG-Wort-Briefkopf. Foto: Jana Stahl

Worum geht es bei dem BGH-Urteil?

Die Gelder der 1958 gemeinsam von AutorInnen und VerlegerInnen ins Leben gerufenen Verwertungsgemeinschaft Wort setzten sich zusammen aus den Ausschüttungen der (gemeinsam erkämpften) Kopierabgaben und Bibliothekstantiemen an AutorInnen und Verlage. Dieser lag für die Verlage bei 50 Prozent für wissenschaftliche und bei 30 Prozent für belletristische Werke. Dass das künftig nicht mehr so sein wird, ist die eine Sache, dass die Verlage nun die unter Vorbehalt ausgezahlten Gelder von VG Wort und VG Bild-Kunst seit 2012 wieder zurückzahlen müssen, ist eine andere Sache. Bei dem diesjährigen Preisträger des Kurt Wolff Preises, dem Christoph Links Verlag, handelt es sich, wie Christoph Links in seiner Rede zur Preisverleihung kundtat, um eine Summe in der Größenordnung um die 50.000 Euro, bei meinem viel kleineren Verlag auch um immerhin über 10.000 Euro. Und das bezahlt man, wie mein Verlegerkollege Jörg Sundermeier kürzlich in der FAZ schrieb, wahrlich nicht aus der Portokasse.

Das in der Zukunft fehlende Geld tut weh und wird das eine oder andere Projekt unmöglich machen, weil es sich eben nicht unbedingt „rechnet“, wie nicht wenige der Bücher, die wir unabhängigen VerlegerInnen so machen, weil wir sie wichtig finden, weil wir an sie glauben, weil wir (frei nach dem ehemaligen Kafka-Verleger Kurt Wolff) die Leute nicht nur mit dem versorgen wollen, was sie lesen wollen, sondern mit dem, was sie – unserer Meinung nach – lesen sollen. Wenn diese Gelder wegfallen, leidet darunter die Programmvielfalt: vor allem besonders aufwändige, ungewöhnliche und riskante Buchprojekte, die zumeist von kleineren unabhängigen Verlagen unternommen werden, müssen gestrichen werden.

Miteinander und nicht gegeneinander

Was mich besonders trifft, ist die in vielen Kommentaren zum BGH-Urteil aufscheinende mangelnde Wertschätzung und Missachtung dessen, was von Verlagen geleistet wird. Wir unabhängigen Verlage initiieren und entwickeln Buchprojekte für und mit den AutorInnen, lektorieren Manuskripte sorgfältig – je nach Bearbeitungsgrad bis zur Miturheberschaft – und gestalten sie liebevoll, damit aus einem Manuskript ein Buch werden kann. Ganz abgesehen von der Verbreitung desselben im Buchhandel wie in der Presse. Die Vorstellung, dass Verlage lediglich fertige, von UrheberInnen perfekt verfasste Texte drucken und sich an der Kreativität anderer bereichern, entspricht keinesfalls dem Engagement und Enthusiasmus dessen, was nicht nur, aber vor allem unabhängige Verlage für ihre AutorInnen leisten. Und es entspricht noch weniger dem partnerschaftlichen Miteinander zwischen AutorInnen und Verlagen, das mir die Arbeit in der Buchbranche so liebenswert macht, obwohl ich damit nicht reich geworden bin, ganz im Gegenteil: Wie oft blieben die Verkaufszahlen und Erlöse hinter den Erwartungen zurück? Das geht natürlich nur, wenn es doch zuweilen auch andersherum läuft. Und die VG Wort- und VG Bild-Kunst-Ausschüttungen halfen darüber hinaus dabei, das eine oder andere riskante und unrentable Projekt auszugleichen.

Diese Zeiten sind vorbei. Und das wird nicht nur Auswirkungen auf den einen oder anderen Independent-Verlag haben, der die Rückzahlungsforderungen nicht überleben wird. Vorschüsse werden kleiner werden und es wird auch weniger Aufträge für LektorInnen, GrafikerInnen, ÜbersetzerInnen geben. Längerfristig schadet dieses Urteil der gesamten Buchbranche – und der Vielfalt in der Buchbranche sowieso.

Autorin: Britta Jürgs

Britta Jürgs ist Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin und Verlegerin des 1997 von ihr gegründeten AvivA Verlags in Berlin mit dem Schwerpunkt auf Frauen in Kunst, Literatur und Geschichte. Seit März 2015 ist sie Vorsitzende der Kurt Wolff Stiftung zu Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene.

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