Verboten und verbrannt – Dichterinnen und die Bücherverbrennungen: Hilde Marx

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Am 10. Mai 1933 fanden die öffentlichen Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten statt, die den Anfang der unzähligen Publikationsverbote der folgenden Jahre einläuteten. Die „Schwarzen Listen“ von Büchern, die aus dem Buchhandel und Büchereien entfernt werden sollten, wurden Anfang 1933 in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht und bildeten die Grundlage für die Bücherverbrennungen am Abend des 10. Mai in zahlreichen deutschen Städten.

Einige Monate später wurde der Beitritt zur Reichsschrifttumskammer für alle mit Büchern zusammenhängenden Kulturberufe verpflichtend, d. h. für AutorInnen, VerlegerInnen, BuchhändlerInnen sowie BibliothekarInnen. Nichtmitglied zu sein kam einem Berufsverbot gleich, was vor allem unzählige Juden und Jüdinnen betraf, aber auch politisch nicht genehme marxistische, pazifistische, sexualpolitische und anderer Autorinnen und Autoren.

Ein Beispiel: Eine der betroffenen Autorinnen war die jüdische Dichterin Hilde Marx. Ihre zweite Gedichtsammlung wurde verbrannt und zwar „direkt hinter Thomas Mann, weil ich im Alphabet gleich hinter ihm kam. Das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben“. Marx stand noch ganz am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen.

Geboren 1911 und aufgewachsen in Bayreuth, war sie von Kindheit an vom zunehmenden Antisemitismus betroffen; bereits zu ihrer Schulzeit wurde sie verspottet und durfte an Aktivitäten wie Tennisspielen und Tanzstunde nicht teilnehmen. Ihr literarisches Talent wurde jedoch noch gewürdigt: So erhielt sie 1929 den Jean-Paul-Preis der Stadt Bayreuth, der an SchülerInnen für besondere Leistungen in der deutschen Sprache und Literatur verliehen wurde.

Nach ihrem Abitur ging Hilde Marx 1931 nach Berlin, wo sie Zeitungswissenschaften, Theater- und Kunstgeschichte studierte. Bereits zwei Jahre später wurde sie zwangsexmatrikuliert, da Juden und Jüdinnen keine Universitäten mehr besuchen durften. Nur bei einigen jüdischen Zeitungen konnte sie noch Gedichte, Feuilletons, seltener Kurzgeschichten bzw. Texte zu aktuellen Themen unterbringen, vor allem arbeitete sie für die C.V.-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum, eine jüdische Wochenzeitung, die noch bis 1938 erscheinen konnte. Außerdem schrieb sie Kabaretttexte und trat mit ihren Rezitationsabenden, die von der Gestapo überwacht wurden, in ganz Deutschland auf.

Ihre erste Gedichtsammlung Im Vers gefangen veröffentlichte sie 1934 unter dem Namen Hilde Marx-Peters im Selbstverlag, ein zweiter Band Dreiklang. Worte vor Gott, von Liebe, vom Tod erschien ein Jahr später im jüdischen Philo-Verlag. 1935 wurde sie mit dem Ersten Literaturpreis der Jüdischen Gemeinde Berlin ausgezeichnet.

Erst als ihr 1937 eine Haftstrafe von der Gestapo angedroht wurde, ging sie ins Exil nach Tschechien, dem Heimatland ihrer Mutter. Von dort aus gelang es ihr ein Jahr später, in die USA zu emigrieren.

Dort lernte sie anhand von Kinofilmen die neue Sprache und hielt sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser, bis sie ihr Diplom als Masseurin erlangte und in diesem Beruf arbeiten konnte. Nebenher schrieb sie für Zeitungen wie den Aufbau und stellte ihre eigene „One-Woman-Show“ zusammen, mit der sie als Vortragskünstlerin tourte.

1943 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft und heiratete ihren Jugendfreund, den Arzt Dr. Erwin Feigenheimer, mit dem sie drei Töchter hatte. Nach der Heirat gab sie ihren Beruf als Masseurin auf.

Erst 1951 erschien wieder ein Gedichtband von ihr, in dem sie im Selbstverlag Gedichte von 1938 bis 1951 unter dem Titel Bericht veröffentlichte, in diesen verarbeitete sie auch ihre Alltagserfahrungen im Exil. Seit den 1960er-Jahren war Marx Redakteurin des Aufbau, war aber auch für andere Zeitungen tätig und hielt zahlreiche Vorträge über kulturelle Themen.

Als „den schwersten Job, den ich je gemacht habe“, bezeichnete Hilde Marx den Besuch in ihrer alten Heimatstadt Bayreuth, während dessen sie eine Lesung  in ihrer ehemaligen Schule in Bayreuth gegeben hatte – vor nur wenig Publikum. Eine letzte Veröffentlichung in der Bayreuther Lokalzeitung erschien unter dem Titel „Jetzt fühle ich mich als Emigrantin“.

Heute ist Hilde Marx weitgehend unbekannt, wie so viele Emigrantinnen und Emigranten mit ihr, die nie eine Chance hatten, ihr Werk einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Es ist an uns, sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Neuauflagen ihrer Werke können hier bestellt werden:

Lyrikbände

und der Kalender hier:

Kalender 2017

 

 

 

 

 

Ein ausführliches Porträt von Hilde Marx ist hier zu finden.

Doris Hermanns

Autorin: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin. Sie ist als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen bei www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2017 erschien ihre Übersetzung von "Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren" von Susan Hawthorne. Derzeit Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin.

2 Kommentare

  1. Maren Giering-Desler

    Vielen Dank, liebe Doris, für diesen Beitrag. Ich finde es immer wieder beeindruckend, Frauen kennenzulernen, die _fast_ vergessen sind. Toll, dass Ihr sie wieder sichtbar macht.

  2. Liebe Doris Hermanns,
    liebe alle!

    Ich freue mich sehr, dass Sie Hilde Marx Werk & Leben aufgegriffen haben – DANKE!

    Wir zeigen die Ausstellung, die wir zu ihrem Gedächtnis gestaltet haben, im Herbst wieder in Bayern. Eine Hilde-Marx-Biographie erscheint 2017 im Winter.
    Wir veranstalten im Sommer in Bayreuth auch einen MIXTAPE-Workshop zu den Themen der Lyrik von Hilde Marx mit jungen Leuten, die eigene Erfahrungen mit Verfolgung und Flucht gemacht haben. Wer an all dem Interesse hat – ich freue mich sehr über einen Austausch! Die Nachfahren von Hilde Marx waren im November des vergangenen Jahres zur Ausstellungseröffnung in Bayreuth – es war eine wunderbare Begegnung, die viele weitere nach sich zieht!

    Alles Gute aus Bayreuth –
    Ihre Katharina Fink

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