BücherFrauen

Ein Beitrag zur Debattenkultur in der Buchbranche

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Elisabeth Castonier

| 6 Kommentare

Am 10. Mai 1933 fanden die öffentlichen Bücherverbrennungen unter dem Motto „Aktion wider den undeutschen Geist“ statt. Diese waren weitgehend organisiert von der Deutschen Studentenschaft, unzählige Bücher wurden dabei verbrannt, die als „zersetzende Schriften“ angesehen wurden. Für etliche SchrifstellerInnen bedeutete dies zum einen das Ende ihrer Karriere und zum anderen, dass viele von ihnen ins Exil gehen mussten.

Der Bibliothekar Wolfgang Herrmann hatte die sogenannte „Schwarze Liste” erstellt, eine vorläufige Übersicht jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer „zersetzender Schriften“. Auf dieser Liste wurden Bücher aufgeführt, die aus Buchhandlungen und Bibliotheken entfernt werden sollten. Diese war allerdings erst der Anfang der systematischen Vernichtung dieser Werke, denn sie wurde im Laufe der nächsten Jahre von den Nationalsozialisten laufend ergänzt, sodass die Zahl der verbotenen Bücher und AutorInnen ständig stieg.

Verbrannt wurden aber auch Bücher von AutorInnen, die zu dieser Zeit noch nicht auf der Liste standen, so gab es auch regionale Unterschiede. Es wurden Werke von PhilosophInnen, WissenschaftlerInnen, LyrikerInnen, Romanciers und politischen AutorInnen in die Flammen geworfen.

"Stürmisch bis heiter", Ansicht des Buch-Covers

Die 1894 in Dresden geborene Schriftstellerin Elisabeth Castonier, die 1928 mit dem Kriminalroman Der schwarze Schatten debütierte und seither für zahlreiche Zeitungen schrieb, wohnte der Bücherverbrennung in Berlin auf dem Opernplatz (dem heutigen Bebelplatz) bei, worüber sie ausführlich in ihren Memoiren schreibt: „Die Vernichtung ,undeutscher Autoren’ durch Verbrennung wurde groß aufgezogen und psychologisch glänzend vorbereitet. Die Männer, die vor der Renaissance mittelalterlicher Barbarei gewarnt hatten, waren bereits im Exil.“ Castonier wollte dabei sein, „denn dergleichen sieht man nur einmal im Leben – und außerdem war es gut, Zeuge gewesen zu sein.“ Dass auch ihre Bücher verboten würden, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Bei den „Feuersprüchen“ wurden zwar keine Autorinnen genannt, was aber nicht bedeutet, dass keine Werke von Schriftstellerinnen verbrannt wurden. Für Castonier war klar, dass diejenigen, vor denen gewarnt werden sollte, wie beispielsweise Alfred Kerr und Erich Maria Remarque, das Land bereits verlassen hatten – wie auch die Schriftstellerin Gabriele Tergit.

Wie Elisabeth Castonier sich erinnert: „Menschenmassen strömten die Linden entlang, Musikkapellen spielten, es herrschte Feiertagsstimmung. Fackelzüge marschierten auf, Studenten umstanden den Scheiterhaufen, warfen ihre Fackeln in die Flammen, hochbeladene Lastwagen brachten das Brennmaterial, die deutsche Literatur. Zuerst kamen die Prominenten, später alles, was aus Verlagen und Buchhandlungen an verbotenen Schriftstellern abgeholt worden war.“

Erst nach einer Ansprache von Goebbels kamen die Werke der Nicht-Prominenten an die Reihe, sie „wurden ballenweise in die Flammen geworfen, und immer wieder riefen Stimmen: ,Wir brauchen mehr, sonst geht uns das Feuer aus!‘ Es kam mehr, in Ballen, in Blättern.“

„Abgeholt“ worden waren die Bücher nicht nur aus Verlagen und Buchhandlungen, sondern bereits auch schon Wochen vorher von SchriftstellerInnen, die gleich vom Anfang der NS-Zeit an verfolgt und deren Wohnungen danach durchsucht wurden.

Castonier beschreibt weiter, wie sich eine ältere Frau mit Büchern im Einkaufsnetz an ihnen vorbeizwängte, um mit zur „Reinigung deutschen Schrifttums“ beizutragen, und dafür von einem SA-Mann als „deutsche Frau“ gelobt wurde. Aber dann reichte es ihr auch, auf dem Rückweg blickte sie sich um: „Am Ende der Linden flammte rötlicher Schein tastend in die Sternennacht. Musikkapellen spielten, Menschen sangen und schrien, es klang wie Jahrmarktlärm.“

Ihre Freundin, mit der sie dort war, meinte, dass, wenn jemand so etwas ein paar Jahre früher geschrieben hätte, derjenige für verrückt erklärt worden wäre.

Aber es sollte nicht bei den Bücherverbrennungen bleiben, die nicht nur in Berlin, sondern auch in zahlreichen anderen Städten stattfanden. Um weiter publizieren zu können, mussten SchriftstellerInnen ab 1933 Mitglied in der Reichskulturkammer werden, genauer gesagt, der Reichsschrifttumskammer. Diese hatte die Überwachung und Kontrolle der gesamten Kultur zum Ziel. Voraussetzung dazu war die Vorlage eines „Ariernachweises“, mit dem die Abstammung von nichtjüdischen Großeltern nachgewiesen werden musste.

Elisabeth Castonier hatte in einem Fragebogen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller, der Rechtsschutz gegen staatliche Eingriffe in das Literaturschaffen gewähren sollte, – bevor dieser der Reichskulturkammer unterstellt wurde – angegeben, „daß ich einen halbjüdischen Vater hatte und dänische Staatsbürgerin wäre“. (Nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 war ihr Vater jedoch „Volljude“. Sie selber war mit dem dänischen Opernsänger Paul Castonier verheiratet, wodurch sie die dänische Staatsbürgerschaft erhielt.)

Sie bekam daraufhin eine Mitgliedskarte mit der Nummer 4597. „Daß Mitglieder, die bereits die erhöhten Beiträge gezahlt hatten und deren Nummer mit 45 begann, als Verbotene auf Listen gesetzt waren, erfuhr ich erst später, als Redaktionen die Angabe meiner Mitgliedsnummer forderten und meine Arbeiten abgelehnt wurden. Ich ahnte ebensowenig wie Martha von Zobeltitz, Alice Berend, Julia Koppel und andere 45er, daß wir unseren Berufstod mit dem erhöhten Beitrag selbst bezahlt hatten.“

Als sie davon hörte, trat sie umgehend aus dem „Schutzverband“ aus und teilte mit, „daß es keinen Zweck hätte, ihm anzugehören, da er nicht mehr Schutz, sondern Vernichtung bedeutete“. Es folgten Drohungen per Post und Telefon, in denen sie aufgefordert wurde, aus Deutschland zu verschwinden, da sie für „Judenblätter“ geschrieben habe. Auch wenn ihr Einkommen damit entfiel, zögerte sie erst noch, ins Exil zu gehen – „Man reist nicht gern allein ins Ungewisse fort“ –, floh letztendlich aber doch über Österreich und Italien 1938 nach Großbritannien, wo sie lange Jahre auf der Mill Farm lebte und arbeitete, worüber sie mehrere Bücher schrieb. 1942 veröffentlichte sie das Buch The Eternal Front über den religiösen Widerstand gegen den Nationalsozialimus.

Ihre Werke sind nur noch antiquarisch erhältlich.

 

Alle Zitate aus: Elisabeth Castonier: Stürmisch bis heiter. Memoiren einer Außenseiterin. München, Nymphenburger Verlagshandlung, 1964

 

Verboten und verbrannt

https://blog.buecherfrauen.de/verboten-und-verbrannt/

Verboten und verbrannt – Autorinnen und die Bücherverbrennung: Christa Anita Brück

Verboten und verbrannt – Dichterinnen und die Bücherverbrennung: Hilde Marx

Verboten und verbrannt – Dichterinnen und die Bücherverbrennung: Rahel Sanzara

Verboten und verbrannt – Dichterinnen und die Bücherverbrennung: Gina Kaus

Verboten und verbrannt – Dichterinnen und die Bücherverbrennung: Hermynia Zur Mühlen

 

Porträts von Exilantinnen 1933-1945

 

Autor: Doris Hermanns

Doris Hermanns lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin, wo sie als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, seit 2012 in der Redaktion des Online-Magazins AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von Frauen auf www.FemBio.org. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilletons. 2021 gab sie den Roman "Christian Voß und die Sterne" von Hertha von Gebhardt heraus, an deren Biografie sie arbeitet. Neueste Veröffentlichung: »Und alles ist hier fremd«. Deutschsprachige Schriftstellerinnen im britischen Exil. Von 2016 bis 2020 war sie Städtesprecherin der BücherFrauen in Berlin. BücherFrau des Jahres 2021.

6 Kommentare

  1. Danke für die Erinnerung an dieses unselige Ereignisse, in einer unseligen Zeit. Als ewige Mahnung: nie aufgeben, weiter schreiben und immer wieder erinnern – so wird sich der freie Geist immer wieder durchsetzen, auch wenn es dunkle Etappen gibt, wenn sie nicht ganz verhindert werden können.

  2. Liebe Doris,

    danke für den Beitrag zum 10. Mai! Ich bin auf Elisabeth Castonier über Monacensia, #femaleheritage und den Blog der Münchner Stadtbibliothek gestoßen und hatte mir daraufhin mehrere Bücher antiquarisch besorgt.

    https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/elisabeth-castonier-schriftstellerin-femaleheritage/

    Ich vermute allerdings, dass du den Beitrag längst kennst, belesen wie du bist?

    Herzliche Grüße

    Gabriele Kalmbach

    • Liebe Gabriele,

      ja, den Beitrag der Monacensia kenne ich. Da steckt nur ein Fehler drin, denn Elisabeth Castonier hat die Bücherverbrennung nicht in München miterlebt sondern – wie sie in ihren Memoiren schreibt – in Berlin.
      Herzliche Grüße
      Doris

  3. eine ganz schlimmer Zeit.

  4. In der Blog-Parade “Female Heritage” der Münchner Stadtbibliothek gibt es jetzt vier Beiträge zu Elisabeth Castonier:
    https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/elisabeth-castonier-journalistin-und-schriftstellerin-femaleheritage/
    Als Verfasserin von zwei der Beiträge weise ich gerne darauf hin.
    Doris Hermanns’ Buch “Und alles ist hier fremd” steht dort bei den Literaturtipps. Viele Grüße

  5. Liebe Doris Hermanns,
    der Link zu Elisabeth Castonier in der Blogparade Female-Heritage der Münchner Stadtbibliothek (siehe meinen Kommentar von letzter Woche) funktioniert wieder:
    https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/elisabeth-castonier-journalistin-und-schriftstellerin-femaleheritage/https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/elisabeth-castonier-journalistin-und-schriftstellerin-femaleheritage/
    Viele Grüße, Doris Nithammer

Schreibe einen Kommentar zu Ellen Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.